Filed in: Egonutte
[»Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von den Schmerzen, die in mir sind und was weiß ich von den Deinen. Und wenn ich mich vor Dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüsstest Du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir Menschen voreinander so ehrfürchtig, so nachdenklich, so liebend stehn wie vor dem Eingang zur Hölle.« F.K.]
Ich wurde zu diesem ›Frage-Tag-Spiel‹ eingeladen und möchte auch gerne antworten, werde aber selbst niemanden taggen. – Am Ende meines Eintrags werde ich ein paar Fragen stellen. Wer auch immer sie beantworten möchte, kann das gerne tun und mir Bescheid sagen, aber ich will niemanden direkt bestimmen.
Die ersten Fragen kommen von minusgold:
Was bereust du?
Selbstverleugnung, Verschwendung von Zeit, Potential und Geduld [an die falschen Menschen], Verblassenlassen, Zuvielüberlegen, Garnichtüberlegen, zu viel Hass, zu viel Zwänge, zu viele Ängste, Hinuntergeschlucktes, manche Lügen und manche Wahrheiten, Unterlassenes.
Wer hat dich in Krisen begleitet?
Mein Bücherregal und meine Musiksammlung und meine Schreibutensilien.
Welches ist dein liebstes Gedicht, und wieso?
[Absolute Totschlagfrage. Sich hier zu beschränken, tut weh, aber ich will auch nicht gleich gar keins nennen.]
Von Charles Bukowski: ›Versuch’s doch mal so‹ besonders wegen »Nenn es Liebe / Stell es hin im letzten / Tageslicht / […] Nenn es Liebe / Steck es auf einen Spieß / […] Und schlag dich kotzend / Seitwärts in die Büsche« / / sowie ›Wenn du darauf wartest, dass der Morgen durchs Fenster kriecht wie ein Einbrecher, der dir ans Leben will‹ besonders wegen »und das Gras / in unseren Hirnen / wirft sich / singend / dem Messer / entgegen.« / / sowie ›Bohnen mit Knoblauch‹, ›Bildet euch bloß nichts drauf ein‹, ›Wahnsinn‹ und ›Mama‹ wegen allem.
Von Charles Baudelaire: ›Anywhere Out oft he World. Nur nicht auf dieser Welt‹ besonders wegen »Bist du denn an einem solchen Punkt der Erstarrung angelangt, dass du nur noch an deinem Leiden Gefallen findest?«
Von Gottfried Benn: ›Der Sänger‹ besonders wegen »stündlich webt er im Ganzen / drängend zum Traum des Gedichts / seine schweren Substanzen / selten und langsam ins Nichts« / / sowie ›In einer Nacht‹, ›Nebel‹, ›Curettage‹, ›Synthese‹ und ›Morgue‹ wegen allem.
Von Silvia Plath: ›Poppies in July‹ besonders wegen »You flicker. I cannot touch you. / I put my hands among the flames. Nothing burns. / […] If my mouth could marry a hurt like that.«
Von Else Lasker-Schüler: ›Das Lied meines Lebens‹ besonders wegen »Sieh in mein verwandertes Gesicht. / Alle meine Blumenwege / führen auf dunkle Gewässer.« / / sowie ›Giselherr dem Heiden‹ besonders wegen »Sieh meine Farben, / schwarz und stern. / Und mag den kühlen Tag nicht, / der hat ein Glasauge. / Alles ist tot, nur du und ich nicht.« / / sowie ›Unser Liebeslied‹, ›Ein Trauerlied‹, ›Der letzte Stern‹, ›Kühle‹, ›Abend‹ und ›Weltflucht‹ wegen allem.
Von Hermann Hesse: ›Ich bin ein Stern‹ besonders wegen »vom Stolz erzogen, vom Stolz belogen, / ich bin der König ohne Land.«
Von Paul Celan: ›Brandmal‹ besonders wegen »und ich legte ihr ein Aug in den Schoß und flocht dir das andere ins Haar / und schlang zwischen beide die Zündschnur, die offene Ader« / / sowie ›Sprich auch du‹ wegen allem.
Von Peter Engel: ›Tägliche Zeile‹, ebenfalls wegen allem.
[Und der Rest, ohgott, der ganze ungenannte Rest!]
Worauf freust du dich zurzeit?
Auf den Sommer, vermutlich zum ersten Mal in meinem Leben, und die damit verbundenen Festivals, auf Musik, Erfahrungen, Gemeinsamkeiten, unbequem Schlafen und das alles mit dem Herzmenschen; auf neue Bücher, neue Kunst und eine neue Art des Taumelns; auf weitere Erkenntnisse und einen neuen Lebensabschnitt, einen besseren; auf nachher.
Wann ist jemand tiefgründig?
Einen Menschen, dessen Gedanken wuchern, ohne dass er sie sofort mitteilen muss, der auch sich selbst immer wieder hinterfragt und neu kennenlernen möchte, jemanden, der aus seinen Gedanken wirklich schöpfen kann, der hinter die Oberfläche sieht, der sich mit Kunst und den Menschen beschäftigt, Manipulation erkennt, die Welt liebt, hasst, bewundert, so einen würde ich wohl tiefsinnig nennen.
Welche Art der Kunst bevorzugst du, um dich auszudrücken?
Buchstaben. Und in Abständen Bilder. Aber immerimmer das Wort.
Ein Stück aus deiner Kindheit, das du noch immer bei dir hast?
Scham.
Was ist dir am wertvollsten?
Der Herzmensch. Außerdem: Andere körperlos berühren und berührt werden, Musik, Literatur, Kunst.
Was sammelst du?
Zitate, Bücher, Fotografien, Briefe, Musik, Bilder, Wunden.
Wann denkst du, ist man erwachsen?
Vielleicht wenn man eine gewisse Ausgeglichenheit erlangt hat, die aus Selbstreflexion her rührt. Ich meine damit kein Abgestumpftsein, sondern Reife, Erkenntnis von sich selbst und anderen, gemilderte Radikalität, da die eigentlich immer mit Verantwortungslosigkeit einhergeht.
Worauf bist du neidisch?
Auf zu vieles, auf alles, auf das Außer-Ich.
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Und dann noch einmal vom meermaedchen:
Was ist deine schönste Erinnerung?
Die ist vergleichsweise so frisch, dass ich sie [noch] mit niemandem teilen möchte. Das muss noch eine Weile hinter meinem Schädel wuchern, bevor ich es nach draußen lasse.
Welches Buch empfindest du am prägendsten?
[Totschlagfrage #2. Versuch einer Antwort.]
Friedrich Nietzsche − Gesamtausgabe, aber besonders: ›Jenseits von Gut und Böse‹
Charles Baudelaire – ›Pariser Spleen‹
Charles Orwell − ›1984‹
Anthony Burgess − ›A Clockwork Orange‹
Fjodor Dostojewski − ›Aufzeichnungen aus dem Kellerloch‹
Peter Stamm − ›Wir fliegen‹
Aldous Huxley − ›Schöne neue Welt‹
Richard Dawkins – ›Der Gotteswahn‹ [damals]
Wie definierst du Ästhetik?
[Wichtig: Der Unterschied zwischen Ästhetik und Schönheit.] Da es die Lehre von Schönheit sein soll, kann ich keine Definition von Ästhetik finden, da sie etwas lehren soll, was nicht in Gesetze gefasst werden kann.
[Eine andere Frage wäre gewesen, was ich persönlich als ästhetisch empfinde.]
In welcher Welt lebst du?
In einer großen, vollen, furchtbaren, herrlichen, atemberaubenden, bis zum Ende interessanten Welt, die ich nur zu einem Bruchteil erfassen kann; eine Welt, die ich immer wieder mit Unwahrheiten spicke und manchmal sogar mit anderen Menschen; eine Welt, die sich lohnt.
Wodurch wird man erwachsen?
Durch Erkenntnisse, denke ich. [s.o.]
Tee oder Kaffee?
Tee [!], immer.
Was ist Glück?
Angekommensein, in ›sich selbst‹ und in der Welt [nicht im Sinne von gezwungener Anpassung!], sondern Akzeptanz und Akzeptiertwerden, ›Eintracht‹.
Und was Unglück?
Zerrissensein, Zwang, von innen und von außen, Ängste.
Wie sieht der Himmel über dir aus?
Gerade eben fastschwarz, dicht, nässend, voll.
Was bedeutet dein Name?
Die paar Buchstaben in meinem Personalausweis bedeuten Anmut, Liebreiz und wohl auch Gnade.
Auf Tumblr meine ich das [von mir] Ungesagte, Unausgesprochene, das Ächzende, über das ich allerdings ›mit mir selbst‹ schon unzählige Male geredet habe, was ich somit quasi ›totgesagt‹ habe, obwohl es eigentlich nie laut artikuliert wurde, somit eigentlich eine ›Tot-Geburt‹ ist, das Stille, das Kratzende, das zwischen den Gedanken, den Zeilen, den Worten ächzt, etwas, das sich in Splittern gebären will, was sich nach Scherben anfühlt, aber manchmal trotzdem leuchten, leben kann, das, von dem man behauptet, es lohne sich nicht, beschrieben zu werden.
Was bereust du?
s.o.
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Und zum Abschied noch sieben willkürlich gerichtete Fragen von mir:
1. Was war dein größter Fortschritt/Erfolg im letzten Jahr? 2. Würdest du lieber alles Visuelle oder alles Auditive verlieren? 3. Glaubst du, am Ende deines Lebens würde sich eine Autobiographie lohnen? 4. Was war das Schmerzhafteste, was dir jemals jemand gesagt hat? 5. Vertraust du einer bestimmten anderen Person voll und ganz? Warum? Warum nicht? 6. Was fasst du am liebsten an? 7. Wovor hast du im Moment am meisten Angst?