Wir werden das Wechselbalg schon schaukeln.

Ich erinnere mich an deine Babyschritte, heraus aus einer Krankheit, die andere nicht einmal als solche anerkennen. Sieh dich an: Dir liegt nicht mehr so viel Nacht im Auge wie früher, du lässt Wachstum zu, um irgendwann vielleicht etwas Neues in dir sammeln zu können als diese Aschebrocken, du sprichst von Zukunft, auch wenn du noch nicht ganz daran glaubst.

Noch immer lässt du viele Dinge fallen, stößt dich vielleicht etwas häufiger als andere Menschen, auch an Dingen, die dir nicht im Weg standen und siehst absichtlich in eine andere Richtung, wenn du mit dem Teppichmesser ein Paket öffnest; ich bemerke das und rede mir ein, dein Lächeln sei Bekräftigung genug, um mich weiter hoffen zu lassen, du würdest es schaffen, wir würden es schaffen.

Manchmal schmilzt dein Schutz für kurze Zeit und ich darf dir Halt schenken, deine Zweigarme an mir spüren, ohne zu wissen, wie das stete Klopfen deines Pulses auf dich selbst wirkt: vielversprechend, beängstigend, abstoßend, bedrohlich? Und nie vermag ich, dich lange zu stützen, ohne dass du wund wirst durch so viel Nähe.

Letztlich tragen wir am selben Leid, aber ich kann versprechen: für jede Erinnerung, die du dir wie Salz in deine Wunden streust, werde ich eine andere finden, die dir Licht und Wärme und ein Zuhause schenkt.

"Man frage nicht, was all die Zeit ich machte.
   Ich bleibe stumm;
   und sage nicht, warum.
   Und Stille gibt es, da die Erde krachte.
   Kein Wort, das traf;
   man spricht nur aus dem Schlaf.
   Und träumt von einer Sonne, welche lachte.
   Es geht vorbei;
   nachher war’s einerlei.
   Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte."

— Karl Kraus’ erstes wieder veröffentlichtes Gedicht, nachdem ihn die Machtergreifung der Nazis knapp zehn Jahre lang verstummen ließ

Dürreperiode, rotes Niemandsland:

Wir tanzen einen halben Schritt vorm Abgrund und
zwar nicht als Metapher,
sondern als letzter Hoffnungsschimmer.

Wer könnte hier leben?
Wer glaubt hier noch an die Menschlichkeit?

Manchmal ist es Verzweiflung, manchmal Zorn,
manchmal wird der Sonnenuntergang zur posttraumatischen Belastungsstörung:
Blut und Hass und keine Gnade.

Sobald wir unsere eigene Schwäche merken,
fällt alles in sich zusammen und
das passiert mehrmals täglich.

Auch die epische Musik aus dem mp3-Player schreit letztlich nur:
Wunschtraum, rotes Niemandsland.

Wir verneinen uns voreinander. Während wir singen und lächeln und die Steuerklärung abgeben, verneinen wir uns. Jedes Mal, wenn wir uns in die Augen schauen, verschwindet etwas Wahres, das wir uns nicht eingestehen wollen. Bis ans Ende der Zeit schiebt sich das Leben vor unsere Ideale, wissen wir nicht, wann wir uns selbst erhöhen und wann wir unser Ich anzünden sollten. Und so tanzen hier zwei Menschen aus Angst und Winter und Schwärze.

Es ist das Lächerlichste, was ich je gehört habe:
Menschlichkeit.

Es ist auch das Schönste.

Lesestatistiken 2015.

Auf meinem YT-Kanal gibt es ein genaueres Video zu den Statistiken meiner 2015-Lektüre. Wer mich aber nicht im bewegten Bild sehen möchte, bekommt hier die “Kurzfassung”:

Ich las insgesamt 155 Bücher, was mir persönlich etwas zu viel ist. Mit weniger und dafür vielleicht genauerer, ruhigerer Lektüre hätte ich absolut kein Problem, greife nun einmal aber immer wieder zum nächsten Buch [ein Elend].

Diese 155 Bücher bestehen aus:

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Dabei wurden 95 von Männern geschrieben, 56 von Frauen und 4 von gemischten Teams. Nichtbinäre waren nicht dabei. Dieses Verhältnis könnte gern etwas zugunsten der Frauen kippen, was aber kein Hauptziel ist.

Die Herkunftsländer der Autoren sehen folgendermaßen aus [in Prozent, da manche Autoren bei mir zwei Länder zugeschrieben bekommen]:

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Der 13,6%-Batzen “andere” setzt sich zusammen aus jeweils 3 Autoren aus Spanien, Russland, Japan, belgien und der Republik Fidschi, 2 Autoren aus Argentinien, Nigeria und Griechenland sowie jeweils einem Autor aus Aserbaidschan, Australien, Brasilien, China, Dänemark, Irak, Georgien, Jamaika, Kolumbien, Norwegen, Puerto Rico, Sapmi, Schweden, Süd-Korea, Tibet und Malaysia. Vielfalt möchte ich gern behalten, was auch zugunsten der USA- und Großbritannien-Prozente geschehen darf.

Die gelesene Sprache teilt sich so auf:

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Unter den 80 Romanen, die meine “Hauptgruppe” ausmachen, befinden sich folgende Genres:

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Allgemein liegt meine Durchschnittsbewertung [und es fällt mir sehr schwer, Bücher auf nur eine Zahl herunterzubrechen] mit 6,8 von 10 ein ganzes Stück unter dem Vorjahr, was aber auch mit einigen “Experimenten” und Neuversuchen zu tun hat.

Wirklich überrascht war ich nur vom Erscheinungsjahr der Bücher, da ich mich immer für einen Backlistenleser hielt, was wohl nicht der Fall ist:

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Außerdem kamen 5 aus dem 19. Jahrhundert, je 1 aus dem 17. und 16., 2 erschienen vor unserer Zeitrechnung und 8 kommen ohne genaues Datum daher oder stellen einen Zusammenschluss aus verschiedenen Erscheinungsjahren dar.

Am wenigsten las ich im Dezember, was durch Vollzeit und Menschen zu erklären ist, am meisten von den Seitenzahlen her im April, rein von der Menge verschiedener Bücher im Januar.

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Ich bin allgemein ein großer Freund von Diagrammen und freute mich schon das ganze Jahr auf diese Statistiken. Was ich daraus mache, ist ein andere Sache. Hauptsächlich interessiert mich nur die Rekapitulation im Nachhinein.

Fielen euch Besonderheiten in eurem Lesejahr 2015 auf? Hat sich irgendetwas geändert? Ist euch das vollkommen schnuppe?

Überlegungen der letzten Zeit / Schweigen.

Ihr habt bestimmt schon mitbekommen, dass es hier allgemein sehr ruhig ist. Zu den meisten Texten, die in den letzten zweidrei Monaten hier veröffentlicht wurden, musste ich mich auf eine gewisse Art „zwingen“. Dahinter stehen eine Menge Überlegungen über das Schreiben allgemein und die Frage nach der Qualität meiner Texte. Ich war mir noch nie sicher, ob ich gut genug bin, selbst etwas mit der Welt zu teilen oder doch lieber nur über die Werke anderer sprechen sollte, wie ich es auf YouTube tue. Allgemein war aber immer so viel Druck in Richtung Schreiben da, dass es einfach heraussprudelte. Das ließ in letzter Zeit nach.

Das soll nicht heißen, dass hier keine Texte mehr kommen, aber es wird wohl nie wieder so gehäuft wie früher. Wer trotzdem in Abständen vorbeischaut, hat einen festen Platz in meinem muskulären Hohlorgan und ich danke euch dafür.

Bleibt mir gewogen, lest, schreibt, schaut euch die Welt an.

In Liebe,

etwas Totgesagtes

Ich werfe meinen Kopf in den Nacken und andere könnten denken, ich sehe den Wolken hinterher, aber eigentlich heule ich – den Mond an, das Leben an. Wo ich stehe, blüht der Wundbrand auf. Die Innenseite meines Hirns ist voller Postkarten aus nie besuchten Ländern, von nie gelebten Ichs und ich versuche sie zu entfernen, zu zerkratzen mit ausgefallenen Zähnen.

Aus meiner manisch-depressiven Traumfabrik heraus schaue ich blind in alle meine Zukünfte. Where dreams come true vergisst, was alles aus Albträumen kriecht und vor allem, was dann bleibt, eingekeilt zwischen Synapsen. Ich habe im Schlaf so viele Fragen gestellt, dass ich mich davor fürchte, ins Bett zu gehen. Tagwandelnd imitiere ich fremde Gesten und lege Persönlichkeit in Nebelschwaden, versuche es zumindest.

Wenn ich mich ansehe, ist da nur das Negativ eines Wunsches.

Zu schade.

Weil unsere Vorbilder alles Nachtkinder sind, weil wir nicht mehr an die Menschheit glauben, weil wir in Selbstzweifel genauso zerfließen wie in Arroganz, können wir keine Wurzeln schlagen, sondern nur Metaphern aus den Großstadtwänden. Steppenwolf sein, hatten wir gedacht, Kafka verstehen, aber was bedeutet das schon in einer Welt, in der Zehnjährige ihre Schwestern steinigen?

Wir sind uns nicht einmal sicher, ob Glücklichsein noch eine Möglichkeit darstellt, aber das Unterbewusstsein gibt nicht auf; es will Lächeln, es will Liebe, es will nicht länger gegen Wände starren. Der Blick nach oben birgt keinen Nordstern zur Orientierung, nur Neonstraßen über unseren Köpfen und aus den Augen fließen Tränen wie Space Invador-Schüsse. Es ist ein abgestandenes Bild: der Reflektierte, der die Kindheit vermisst. Zu schade, dass es auch wahr ist.

Unter euren Worten verändert sich mein Körper zu stark, als dass ich noch ignorieren könnte, inzwischen nicht mehr aus denselben Märchen zu bestehen wie früher. Es hilft auch nicht, sich vorzustellen, eigentlich an einer anderen Stelle oder noch besser nicht existent zu sein. Es hilft nicht, weil Lügen inzwischen nicht mehr dieselbe Beruhigung bringen wie Obsessionen.

Und wir sind wieder da, wo wir Abhängigkeiten begrüßen, weil sie scheinbar Ordnung bringen. Schon lange lag in Menschenferne für mich ein Refugium, aber inzwischen ist es fast schon lächerlich, wie sofort ein Tick, eine Sucht, ein auswendig gelerntes Schema die Kontrolle übernimmt, sobald ein zweites Wesen neben mir atmet. Ich kann nicht verhindern, mich in mondarme Nächte zu flüchten, aschegebettet und knochenzitternd.

Sein winziges Ich nehmen und es anderen zeigen, ohne dabei verloren gehen, das wäre ein Wunder der Normalität.

Man steht allein und
möchte sich selbst fragen,
wie man sich verloren hat.

[Wer ist schon so barmherzig, ein krankes Hirn zu waschen?]

Man sieht sich von oben und
das nicht, weil man engelsgleich wäre,
sondern sterbend.

[Lass mir meine Schreie.]